Der Anfang eines Romans: A Pale View of Hills (Ishiguro)

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Jun 23, 2016 23:25
Der Anfang eines Romans: A Pale View of Hills (Ishiguro)

Niki, der Name, den wir schließlich unserer jüngsten Tochter gaben, ist nicht eine Abkürzung. Er war ein Kompromiss, den ich mit ihrem Vater schloss. Er war komischerweise derjenige, der ihr einen japanischen Namen aussuchen wollte, wobei ich auf einem Englischen bestand – vielleicht aus irgendeinem egoistischen Wunsch, nicht mehr an der Vergangenheit erinnert zu werden. Wir einigten uns schließlich auf Niki, weil er ein vages Echo des Ostens haben solle.

Sie ist früher dieses Jahr im April gekommen, um mir einen Besuch abzustatten, als die Tage noch kalt und von Nieselregen betrübt waren. Vielleicht wollte sie länger bleiben, ich weiß es nicht. Aber mein Haus auf dem Land und die Ruhe die es umgibt machten sie unruhig und nach kurzer Zeit sah ich, dass sie dringend zu ihrem Leben in London zurückkehren wollte. Sie hörte ungeduldig meine Disketten an und durchblätterte zahlreiche Magazine. Der Telefon klingelte regelmäßig für sie und sie schritt über den Teppich hinweg, wonach sie die Tür hinter sich schloss, um zu verhindern, dass ich etwas von ihren Gesprächen mitbekomme. Nach fünf Tagen ist sie wieder gegangen.

Sie erwähnte Keiko erst am zweiten Tag. Es war ein grauer Morgen und es nieselte. Wir hatten die Sessel näher an die Fenster herangerückt, um den Regen auf den Garten fallen zu sehen.

»Dachtest du, dass ich kommen würde?«, fragte sie. »Zu der Beerdigung, meinte ich.«

»Nein, eher nicht. Ich habe nicht erwartet, dass du kommen würdest.«

»Es hat mich erschüttert, als ich von ihr gehört habe. Ich bin fast gekommen.«

»Ich habe nie erwartet, dass du kommen würdest.«

»Die Leute wussten ja nicht, was mit mir los war«, sagte sie. Ich habe es keinem erzählt. Ich denke, dass es mir peinlich war. Sie hätten es nicht wirklich verstanden – sie hätten meine Gefühle nicht verstanden. Schwestern sollten Leute sein, zu denen man eine enge Beziehung hat, nicht wahr? Man mag sie vielleicht nicht allzu sehr, aber man hat immer noch diese enge Beziehung. So war es aber doch nicht. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wie sie aussah.«

»Ja, es ist schon lange her, seitdem du sie gesehen hast.«

»Ich erinnere mich an sie nur noch als jemand, der mich unglücklich machte. Das ist alles, was mir übrig bleibt. Aber ich war trotzdem traurig, als ich die Neuigkeiten gehört habe.

Vielleicht war es nicht nur die Ruhe, die meine Tochter wieder nach London vertrieb. Denn, obwohl wir nicht lange bei diesem Thema verweilten, war es nie weit weg und schien, immer wenn wir uns unterhielten, über uns zu schweben.

Im Gegensatz zu Niki war Keiko eine pure (/volle?) Japanerin und mehr als die eine Zeitung bestand darauf, diese Tatsache zu unterstreichen. Die Engländer mögen ja diese Vorstellung, dass unsere Rasse einen Instinkt für den Selbstmord hat, als ob keine weitere Erklärung nötig wäre, denn das war alles, wovon sie berichteten: Sie war Japanerin und sie hat sich in ihrem Zimmer gehängt.
einen Kompromiss schließen – to reach a compromise
sich an (acc) erinnern – to remember smt
sich auf etw einigen – to agree upon smt
nieselig – drizzly
nach kurzer Zeit – after a short while
worauf – after which/whereupon
im Gegensatz zu – unlike / in contrast to
rasch bei der Hand sein… – to be quick to…
(sich) erhängen – to hang sb/oneself
die Schallplatte – a record (music)
über etw hinwegschreiten – to stride away over smt
jdn erschüttern – to shake/upset sb
vertreiben – to drive away
schweben – to hover
auf (+dat) bestehen – to insist on smt
Anfang des Jahres – at the beginning of the year
sie hätte länger bleiben wollen – she wanted to stay longer
ich bin unschlüssig – I'm indecisive
etw näher an etw (acc) heranrücken – to move smt closer to smt
meine ich – I mean(t) (NOT in the past)
damit rechnen – to expect
zuletzt – the last time
es kommt der englischen Vorlage näher – it's closer to the English version
somit – thus/consequently






Niki, the name we finally gave my younger daughter, is not an abbreviation; it was a compromise I reached with her father. For paradoxically it was he who wanted to give her a Japanese name, and I – perhaps out of some selfish desire not to be reminded of the past – insisted on an English one. He finally agreed to Niki, thinking it had some vague echo of the East about it.

She came to see me earlier this year, in April, when the days were still cold and drizzly. Perhaps she had intended to stay longer, I do not know. But my country house and the quiet that surrounds it made her restless, and before long I could see she was anxious to return to her life in London. She listened impatiently to my classical records, flicked through numerous magazines. The telephone rang for her regularly, and she would stride across the carpet, her thin figure squeezed into her tight clothes, taking care to close the door behind her so I would not overhear her conversation. She left after five days.

She did not mention Keiko until the second day. It was a grey windy morning, and we had moved the armchairs nearer the windows to watch the rain falling on my garden.

„Did you expect me to be there?“ she asked. „At the funeral, I mean.“

„No, I suppose not. I didn’t really think you’d come.“

„It did upset me, hearing about her. I almost came.“

„I never expected you to come.“

„People didn’t know what was wrong with me,“ she said. I didn’t tell anybody. I suppose I was embarrassed. They wouldn’t understand really, they wouldn’t understand how I felt about it. Sisters are supposed to be people you’re close to, aren’t they. You may not like them much, but you’re still close close to them. That’s just not how it was though. I don’t even remember what she looked like now.“

„Yes, it’s quite a time since you saw her.“

„I just remember her as someone who used to make me miserable. That’s what I remember about her. But I was sad though, when I heard.“

Perhaps it was not just the quiet that drove my daughter back to London. For although we never dwelt long ont he subject of Keiko’s death, it was never far away, having over us whenever we talked.

Keiko, unlike Niki, was pure Japanese, and more than one newspaper was quick to pick up on this fact. The English are fond of their idea that our race has an instinct for suicide, as if further explanations are unnecessary; for that was all they reported, that she was Japanese and that she had hung herself in her room.